Literarisch-politische Kleinkunst der 1930er Jahre

Der Begriff „Kleinkunst“ wurde in den 1930er Jahren bewusst eingesetzt, um sich von den reinen Amüsierbetrieben der Cabaret-Etablissements und Revue-Theater abzugrenzen.

Die junge Diseuse und Schauspielerin Stella Kadmon eröffnete 1931 im Souterrain des Café Prückel den „Lieben Augustin“ als literarisches Cabaret. Ihr zur Seite standen Peter Hammerschlag als Autor, Alex Szekely als Zeichner und Fritz Spielmann als Komponist und Pianist. Anfänglich eher ein buntes Brettl mit Improvisation (Blitzgedichte von Hammerschlag, dazu Zeichnungen von Szekely, Literaturparodien und parodistische Tänze), änderte „Der liebe Augustin“ ab 1933 seinen Stil, der politischen Situation entsprechend. Ab nun wurden auch Tucholsky und Kästner gespielt und die aus Deutschland exilierten Gerhart Herrmann Mostar und Hugo F. Koenigsgarten wurden zu Hausautoren.
Auch formal trat langsam eine Veränderung ein: weg vom Nummerncharakter hin zum Einakter und Mittelstück. Zum Ensemble gehörten u. a. Gusti Wolf, Herbert Berghof, Leo Aschkenasy (Leon Askin), Fritz Muliar oder Fritz Eckhardt. Am 10. März 1938 musste „Der liebe Augustin“ seinen Spielbetrieb einstellen.

1945 durch Fritz Eckhardt und Carl Merz wiedererweckt, übernahm Stella Kadmon den „Lieben Augustin“ nach ihrer Rückkehr aus dem Exil 1947. Ein Jahr später wandelte sie ihn in eine Schauspielbühne um und änderte auch den Namen in „Theater der Courage“.

Die nächste literarisch-politische Kabarettgründung war „Die Stachelbeere“ im Sommer 1933 von einer Gruppe des „Bundes junger Autoren Österreichs“ unter Führung von Rudolf Spitz.
„Die Stachelbeere“ war anfangs im Café Döblingerhof im XIX. Wiener Gemeindebezirk untergebracht und übersiedelte, zumindest für die Wintersaisonen, 1934 ins Café Colonnaden, Rathausplatz.
Als Autoren wirkten neben Spitz, der auch conférierte, Hans Weigel und Josef Pechacek. Nach anfänglich improvisatorischem Charakter änderte sich der formale Stil in Richtung Einakter und Mittelstück.
Inhaltlich war „Die Stachelbeere“ politisch engagierter, aggressiver und scharfzüngiger als die „Literatur am Naschmarkt“, auch eine Gründung des „Bundes junger Autoren Österreichs“, die im November 1933 ihre Pforten im Café Dobner öffnete. Wegen Überforderung der Autoren, die nun für zwei Kleinkunstbühnen Texte zu verfassen hatten, aber auch wegen (politischer) Unstimmigkeiten mit dem Caféhausbetreiber, stellte „Die Stachelbeere“ 1935 ihren Spielbetrieb ein.

Die Initiatoren der „Literatur am Naschmarkt“, Rudolf Weys und F. W. Stein, strebten ein Mittelding zwischen Theater und Brettl an. Folglich entwickelten sie auch das Mittelstück, ein ungefähr dreißig bis vierzig Minuten dauernder Einakter, der zwischen dem klassischen Nummernprogramm und zwei Pausen eingebettet war.
Als Autoren fungierten neben Weys, Hans Weigel, Lothar Metzl, Jura Soyfer, Kurt Nachmann, Rudolf Spitz oder Peter Hammerschlag, und als Darsteller/innen Carl Merz, Herbert Berghof, Hugo Gottschlich, Adolf Müller-Reitzner, Heidemarie Hatheyer, Hilde Krahl, Elisabeth Neumann u. v. a.
Bis 12. März 1938 brachte die „Literatur am Naschmarkt“ zweiundzwanzig Programme heraus. Danach fand die „arische Abteilung“ im „Wiener Werkel“ ihr Betätigungsfeld.

Die politisch schärfste Kleinkunstbühne Wiens war das „ABC“ (anfangs im Café City, Porzellangasse 1), das 1934 eröffnet wurde. Hier wirkten bis 1938 u. a. Leo Aschkenasy, Franz Paul, Rudolf Steinboeck, Fritz Eckhardt, Jimmy Berg, Peter Hammerschlag, Gerhart Herrmann Mostar, Hugo F. Koenigsgarten, Hans Weigel, (die sehr junge) Cissy Kraner, Josef Meinrad, Hans Sklenka und Jura Soyfer, dessen Mittelstücke heute noch als Theaterstücke aufgeführt werden.

Hörprobe aus „Der Weltuntergang“ von Jura Soyfer. Leon Askin: „Kometensong“

(Quelle: http://www.askin.at/audio/Kometensong.mp3)