Foto: Vorlass Chin & Chilla, Österreichisches Kabarettarchiv; © Christian Zecha

Chin & Chilla

Kabarett-Duo, Wien, 1984–1989

 

Chin & Chilla war ein österreichisches Kabarettduo aus Wien, gegründet von den beiden Schauspielerinnen Barbara Klein und Krista Schweiggl Mitte der 1980er-Jahre. Klein hatte davor eine Schauspielausbildung am Max Reinhardt-Seminar absolviert und agierte neben ihren Engagements an verschiedenen Theatern auch in Fernsehfilmen. Krista Schweiggl war ebenfalls als freie Schauspielerin in Österreich und Deutschland tätig.

Die gemeinsame Karriere der beiden begann 1983 mit „Schneewittchen“ – hierbei trugen sie „Lieder und Texte von und über Frauen, nicht nur für Frauen“ vor. Ab 1984 brachten sie als Chin & Chilla, dem ersten dezidiert feministischen Kabarettduo in Österreich, unter dieser Prämisse in den folgenden Jahren eine Vielzahl von Produktionen heraus: Das erste Programm „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“ nahm sich als kabarettistische Revue „Lächerliches und Ärgerliches zum Thema Frau – aber nicht nur für Frauen“ an, die Texte stammten von Autorinnen wie Christine Nöstlinger ebenso wie aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch von 1811.
1985 wurden – bei einigen Veranstaltungen mit Jeanette Hirschberger als dritter Akteurin auf der Bühne – erotische, humoristische Volkslieder „Aus dem Giftschrank“ geholt, die einerseits das Publikum unterhielten und mit denen andererseits, erstmals auch mit ersten selbstverfassten szenischen Texten, Sexualität, Abhängigkeitsprobleme, Geschlechterkampf und Männerpolitik ins Visier genommen wurden.
Im Programm „beziehungswaisen“ traten Klein und Schweiggl 1986 erstmals nur mit eigenen Texten und Liedern auf und unterhielten sich dabei satirisch über soziale Zwänge und Gepflogenheiten verschiedenster Beziehungsformen.

1987 erhielten sie für ihr bisheriges Werk den „Österreichischen Kleinkunstförderungspreis“.
Für das im selben Jahr uraufgeführte Stück „Figurinen“ lud man als Gast Flora St. Loup ein und agierte als dreiköpfige Theatergruppe, die in der Künstlergarderobe vor dem Auftritt über die Kleinkunstszene und Kulturpolitik, aber auch die aktuelle politische Situation satirisch referenzierte.
In „Grüß Gott“ wurden dann 1988 wieder in der bewährten Zweierformation – dargestellt als Engel – Kernpunkte des gesellschaftlichen, sozio-ökonomischen Verhaltens eingefangen. Die Groteske „Rikiki“ im Rahmen der Wiener Festwochen 1989, in der zusammen mit Alfred Dorfer, Roland Düringer, Reinhard Nowak und I Stangl die Obsessionen einer Kleinbürger-Familie dargestellt wurden, war die vorläufig letzte gemeinsame Arbeit.

Chin & Chilla absolvierten eine Vielzahl ihrer weit über 300 Auftritte in verschiedenen Spielstätten in Wien, tourten mit ihren Programmen aber auch durch Österreich und Deutschland.

Inhaltlich beschäftigten sich ihre Programme mit der aktuellen Politik wie auch den gesellschaftlichen Problemen und Herausforderungen der Zeit. In beiden Kontexten war die systematische Benachteiligung von Frauen keineswegs alleiniges Thema, jedoch ein immer wiederkehrendes Sujet, welches Chin & Chilla ihrem Publikum, mit Vorliebe durch die „Entlarvung machistischer Wirklichkeit im Alltag“ – so die Süddeutsche Zeitung im Jänner 1988 – gerne näher brachten.
In den Statuten ihres  Vereins zur künstlerischen Darstellung von Frauengeschichte(n) wurde „der Bedarf an weiblich-identen Aussagen der diskriminierten Mehrheit“ konstatiert sowie als Zweck u.a. die „Bewusstmachung der sozialen und politischen Stellung der Frau in der Gesellschaft“ formuliert.

Klein und Schweiggl arbeiteten ohne externe Regie und schrieben ihre Texte selbst. Für die Musik zeichneten wechselweise Wolfgang Gattringer und Christian Teuscher verantwortlich. Als Kostümbildnerin fungierte meist Nicole Panagl.

Chin & Chilla war es wichtig, unabhängig von den Seilschaften der Wiener Kulturszene zu arbeiten. Statt als „Rädchen im Getriebe der üblichen Theaterindustrie“ zu funktionieren, wollten die beiden lieber eigenständig agieren – dies umfasste neben dem Schreiben der Stücke und der Performance auf der Bühne auch das Bühnenbild, die Regie und die komplette Organisation. Darunter fielen die Pressearbeit, das Ausverhandeln der Konditionen für Auftritte, die Abwicklung der Engagements durch Verträge etc. Neben ihrer kabarettistischen Arbeit versuchten Klein und Schweiggl mit eingereichten Konzepten für die Übernahme und Betreibung einer eigenen Spielstätte auch diesbezüglich unabhängig agieren zu können.

Ihr eigenständiges Auftreten gab ihnen die Möglichkeit, bei Anlassfällen offen und vehement gegen Ungerechtigkeiten vorzugehen. Beispiele dafür waren der Streit der Preisträger*innen mit den Veranstaltern des Kleinkunstpreises, die 1987 ohne Einstimmung der Künstler*innen mit dem ORF Abmachungen über Fernsehaufzeichnungen trafen, oder mehrere Konflikte mit der Stadt Wien bezüglich der Verwendung lokaler Spielstätten für freie Kabarett- und Theatergruppen.

Nach ihrer Trennung 1989 arbeiteten beide in den 1990er-Jahren im Verlag Bunte Bühne, Klein als Leiterin und Schweiggl in der Dramaturgie, erneut zusammen. Sie waren auch Mitinitiatorinnen des Österreichischen Frauenvolksbegehrens und wirkten in verschiedenen Kulturbereichen zusammen, beispielsweise im kosmos.frauenraum, dem späteren Kosmos Theater.

2020 haben Klein und Schweiggl im ersten Corona-Lockdown nun auch kabarettistisch wieder zusammengefunden und als „Die SpätSies“ ein neues Programm mit dem Titel „Voll Zeit“ geschrieben. Die geplante Premiere im November 2020 musste aufgrund der Covid-19-bedingten Veranstaltungsverbote verschoben werden.

 

Quellen:

Österreichisches Kabarettarchiv, Vorlass Chin & Chilla

Iris Fink, Von Travnicek bis Hinterholz 8. Kabarett in Österreich ab 1945. Von A bis Zugabe, Graz 2000, 36-37.

Lisa Trompisch, Barbara Klein & Krista Schweiggl: Kabarett ist keine Frage des Alters, in: Kurier, 04.11.2020, Online im Internet: Barbara Klein & Krista Schweiggl: Kabarett ist keine Frage des Alters | kurier.at [aufgerufen am 19.03.2021].

spätsies.at [aufgerufen am 19.03.2021].

[Thomas Stoppacher, 21.04.2021]

 

 Vorlass Chin & Chilla im ÖKA