WOLFGANG PFEIFFER

 

Auf, vor und hinter der Bühne

 

Seit meinem 15. Lebensjahr stehe ich als Musiker regelmäßig auf der Bühne. Das aber –gottseidank – nur als Amateur. In meinem Brotberuf bin ich Kulturmanager und seit einigen Jahren nebenbei auch als Künstleragent für Kabarettist*innen tätig.

Meine ersten Bühnenkontakte hatte ich durch meinen Vater. Er spielte Gitarre bei den „Flamingos“, einer sehr bekannten Linzer Rock’n’Roll-Formation. Als kleiner Bub durfte ich, wenn sie in der Nähe einen Auftritt hatten, immer zum Aufbauen mitkommen. Ich habe beim Tragen der Instrumente geholfen, konnte dann auf der Bühne stehen und beim Soundcheck zuhören. Das alles hat mir sehr imponiert! Mir war daher auch immer klar: Das will ich auch – als Musiker auf der Bühne stehen!

So ist es dann auch gekommen. Mit 14 Jahren habe ich mit Schulkameraden eine Band gegründet, später konnte ich mit der Band „Smart Import“ (1988–1998) einige beachtliche Erfolge erzielen. Dort war ich nicht nur Gitarrist, sondern auch Bandmanager. Das war zwar nicht unbedingt gewollt, lag aber (für die anderen) auf der Hand: Mein Vater hatte diese Aufgabe bei den „Flamingos“ auch übernommen. 1988 begann ich auch als freier Mitarbeiter im Kulturzentrum Hof zu arbeiten und ich studierte Betriebswirtschaft.

Die Erfolge mit „Smart Import“ führten uns in immer internationalere Gefilde und waren mit sehr viel Arbeit im Bandmanagement verbunden, während ich mich auf meine Aufgabe als Musiker konzentrieren wollte. Wir suchten und fanden dann auch verschiedene Managements, aber keines brachte uns wirklich weiter, der letzte stellte sich sogar als Betrüger heraus. Seine Machenschaften besiegelten schließlich das Ende unserer Band. Doch kein Schatten ohne Licht: Diese Erfahrung hat gezeigt, dass meine Arbeit als Bandmanager offenbar gar nicht so schlecht war – und wie ausschlaggebend ein gutes Management für den künstlerischen Erfolg sein kann.

Das Ende von „Smart Import“ markiert aber keineswegs das Ende meiner Ambitionen als Gitarrist und Sänger, nach wie vor macht es mir große Freude, in Bands zu spielen, Tonträger herauszubringen und bei verschiedenen Projekten mitzuarbeiten. Aktuell spiele ich als Ersatz für meinen Vater, der 2011 leider viel zu früh verstarb, bei den „Flamingos“.

Meine aktive Arbeit im Kulturmanagement begann 1988 als freier Mitarbeiter im Linzer Kulturzentrum Hof. Dem damaligen Leiter bin ich als Musiker und Bandvertreter aufgefallen, sodass er mich für den Aufbau eines heute noch existierenden Förderprojektes für junge Bands und Musiker engagierte. Daneben arbeitete ich im normalen Kulturbetrieb mit und konnte so meine Erfahrungen im Vorbereiten und Durchführen von Veranstaltungen verschiedenster Sparten vertiefen. In dieser Zeit habe ich mich auch immer mehr mit dem Gedanken angefreundet, Kulturmanagement zu meinem Brotberuf zu machen.

1996 bot sich dann die Möglichkeit, die Leitung eines neu errichteten Kultur- und Veranstaltungszentrums – des ABC (Anton Bruckner Centrum) – in Ansfelden zu übernehmen. Damals dachte ich, dass ich diesen Job fünf bis zehn Jahre machen werde. Letztlich wurden es fast 24 Jahre!

Die ersten Jahre ging es vor allem darum, das Haus zu positionieren und Strukturen aufzubauen. Bei der Ausrichtung des Programms habe ich mich bemüht, ein breites Spektrum abzubilden: Theater, Kabarett, Konzerte (Klassik, Popular- und auch Volksmusik), Multimediavorträge, Lesungen und Ausstellungen. Dieser Programm-Mix hat sich bewährt und wurde vom Publikum sehr gut angenommen, sodass sich das ABC in kurzer Zeit als Fixpunkt in der (ober-)österreichischen Kulturlandschaft etablieren konnte.

Sehr rasch hat sich herausgestellt, dass besonders Kabarett beim Publikum sehr gut ankommt. Für meine erste Kabarettveranstaltung im ABC engagierte ich Heilbutt & Rosen, die zu dieser Zeit noch als Quartett auftraten. Zuvor allerdings habe ich mir einen Auftritt von ihnen in einem kleinen Linzer Lokal angesehen. Außer mir waren da vielleicht noch drei, vier Zuseher*innen, aber Heilbutt & Rosen waren gut und wurden gebucht.
Der Erfolg dieses ersten Kabarettabends und auch der folgenden hat uns bestärkt und Kabarett wurde zu einem unverzichtbaren Programmbestandteil. Wir haben uns bei der Programmgestaltung aber nicht nur auf die sichere Seite geschlagen, vielmehr haben wir immer wieder Newcomer, auch aus Deutschland oder der Schweiz präsentiert. So haben im ABC beispielsweise Olaf Schubert, Martina Schwarzmann, Horst Evers, Podewitz u.v.a.m. als noch unbekannte Künstler*innen ihren ersten (Ober‑)Österreich-Auftritt absolviert.
Dieser internationale Zug kommt auch daher, dass ich seit 1997 regelmäßig die Kulturbörse in Freiburg besuche und dort großartige Kabarettkünstler*innen kennen gelernt habe, die ich unserem Publikum keinesfalls vorenthalten wollte. Dasselbe galt natürlich auch für junge österreichische Kabarettist*innen wie Nadja Maleh, Klaus Eckel, Thomas Stipsits, Paul Pizzera u.v.a.m.

Das hat fast immer ausgezeichnet geklappt und die Besucher*innen haben sich im Laufe der Jahre immer mehr auf das „Experiment“ Nachwuchs oder unbekannte Künstler*innen eingelassen. Natürlich war auch die eine oder andere Veranstaltung dabei, die nicht so toll angekommen ist. Das lag dann aber meist an der besonderen Chemie des Abends, denn es gibt Vorstellungen, da passen Künstler*in und Publikum einfach nicht zusammen. Der Funke springt nicht über. Das hat oft gar nichts mit dem Dargebotenen zu tun, es passt an dem Abend die Zusammensetzung der Personen im Saal einfach nicht.

Meine Aufgabe als Veranstalter verstehe ich als Vermittler zwischen Publikum und Künstler*innen. Das beginnt bei der Programmauswahl, die sich letztlich auf folgende Fragen konzentriert: Was gönne ich meinem Publikum? Was sollte es auf keinen Fall versäumen? Oder auch: Was kann ich meinem Publikum (gerade noch) zumuten? – Das Ziel ist aber immer, dass nach Ende einer Vorstellung alle (oder die meisten) zufrieden nach Hause gehen.
Es geht also darum, dass sich Publikum und Künstler*innen wohl und willkommen fühlen. Das Publikum will freundlich empfangen werden, in den Pausen sowie vor/nach der Vorstellung rasch Getränke und Imbisse konsumieren können und vor allem will das Publikum gut unterhalten werden. Und das gelingt besser, wenn sich die Künstler*innen gut betreut fühlen.

Das ist im Grunde auch nicht so schwer, denn das Künstler*innen-Wohlfühlprogramm steht in der Bühnenanweisung, dem „Rider“. Da hat mir meine Erfahrung als Musiker geholfen. Oft sind wir bei unserer Ankunft vor verschlossenen Türen gestanden, die Bühne war mangelhaft oder gar nicht vorbereitet, von Getränken oder Imbiss in der Garderobe ganz zu schweigen. Auf die Frage, ob sie denn die Bühnenanweisung nicht gelesen haben, bekam man gerne mal die Antwort: „Die les’ ich nicht, bei uns ist eh immer alles in Ordnung …“

Aus eigener leidvoller Erfahrung war und bin ich deshalb immer bemüht, dass Veranstaltungen gut und ordentlich vorbereitet sind, und nehme das, was in der Bühnenanweisung steht, ernst. Haus-, Licht- und Tontechnik bereiten vor Ankunft der Künstler*innen die Bühne vor, der Veranstalter erscheint ebenfalls rechtzeitig, die Garderobe ist geheizt und aufgeräumt, für Getränke und Imbiss ist gesorgt. Die Hoteladresse wurde den Künstler*innen übermittelt und deren ungefähre Ankunftszeit auch dem Hotel mitgeteilt.
Hin und wieder kommt es vor, dass eine Bühnenanweisung sehr anspruchsvoll gehalten ist. In solchen Fällen empfiehlt sich ein Anruf beim Management und/oder dem Techniker zur Abklärung, was man zu leisten im Stande ist. Nicht ohne Stolz darf ich sagen, dass wir sehr oft Lob von Künstler*innen und Managements erhalten haben, weil sie sich im ABC wohl und professionell betreut fühlten.

Wenn man lange genug im Geschäft ist, ergeben sich auch noch ein paar andere Aufgaben. Zum Beispiel, Einladungen als Jurymitglied tätig zu sein. Anfänglich habe ich das als Ehre empfunden. Mittlerweile ist dem nicht mehr ganz so. Ich empfinde es – besonders bei Nachwuchswettbewerben – immer mehr als Belastung, junge oder junggebliebene Künstler*innen zu beurteilen. Weil sich ja alle redlich bemühen, den Zug zur Bühne haben und in der Wettbewerbssituation allen ihren Mut zusammennehmen, um zu bestehen. Und dann kommt da einer daher und urteilt darüber. Diese Konstellation behagt mir nicht besonders. Andererseits ist es für die Wettbewerbsteilnehmenden schon wichtig zu sehen, wo sie stehen, und wie sie bei Publikum und Jury ankommen. Und weil Jurys meist mit Veranstaltern und Agenten besetzt sind, ergibt sich oft die eine oder andere Möglichkeit, wichtige erste Kontakte zu knüpfen. Und ich konnte bei diesen Gelegenheiten auch sehr interessante Künstler*innen kennenlernen.

Der regelmäßige Kontakt zur Kabarettszene und die vielen positiven Erfahrungen haben dann so gegen Ende der 2000er Jahre bei mir den Gedanken aufkeimen lassen, mich als Agent in diesem Bereich zu versuchen. Quasi die dritte Seite des Geschäfts kennenlernen. Ich habe das zwar schon immer für meine Bands erledigt, es ist aber dann doch nochmal etwas anderes, wenn man als Ergebnis seiner Arbeit nicht selber auf der Bühne steht, sondern seine Arbeit als Vermittler anderen Künstler*innen anbietet. Es hat dann noch ein paar Jahre gedauert, bis ich diesen Wunsch umgesetzt habe, vor allem, weil ich unterschätzt habe, was es bedeutet, den ersten Schritt in eine Selbständigkeit zu machen. Mitte 2017 war es aber dann soweit und ich habe meine Agentur namens „vermutlich Elke“ offiziell angemeldet.
Mit dieser betreue ich eine kleine Schar junger Kabarettist*innen, darunter auch die sehr charmante Elli Bauer und den deutschen Micha Marx, der mich mit seiner Kritzel-Comedy sehr beeindruckt. Weiters werden von mir vertreten: der Innviertler Kabarettist Manuel Berrer, das Linzer Musikoriginal Rudi Pfann und seine Sumpftruppe sowie die Bands in denen ich aktuell spiele.
Natürlich ist mir dabei meine Erfahrung als Musiker und Veranstalter zugutegekommen, die man als Summe von Kleinigkeiten bezeichnen kann, die Veranstalter, Agentur und Künstler das gemeinsame Arbeiten erleichtern. Umgekehrt gibt es auch Bereiche, die ich mir noch erarbeiten oder erweitern muss, zum Beispiel meine Veranstalter- und Medienkontakte. Wichtig ist mir die eindeutige Trennung meiner Rollen als Veranstalter und Agent. Wenn also eine*r meiner Künstler*innen bei uns auftritt, dann bin ich als Veranstalter tätig und nicht als Agent und bekomme demnach auch keine Provision. Das kommt aber ohnehin nicht sehr oft vor, vielmehr bin ich bestrebt, meine Künstler*innen auf die Bühnen meiner Kolleg*innen zu vermitteln.
Den Agenturnamen „vermutlich Elke“ trage ich schon lange mit mir herum. Eigentlich sollte es der Name für eine Band werden, aber das hat sich nicht ergeben und so musste die Agentur dran glauben. Entstanden ist der Name bei einer Blödelei. Ich habe drei Jahre lang in einem großen Pop-Chor gesungen. Der Chor bestand aus beinahe 100 Sänger*innen und ein Mitsänger und ich mussten feststellen, dass man selbst nach einem Jahr noch das Gefühl hatte, manche hätte man noch nie gesehen. Wir haben dann so durch die Runde geraten, wer wohl wie heißen könnte, egal ob Mann oder Frau und die Antwort war immer die gleiche: „Vermutlich Elke!“

In meinem Tun und meiner Euphorie neuen Projekten gegenüber unterliege ich gerne dem Glauben, dass sich alles immer ganz gut ausgeht; besser gesagt, ausgehen müsste. Am besten  über das Jahr betrachtet, gleichmäßig verteilt. Dann ist es auch möglich in drei Bands zu spielen, seine Arbeit zu machen, seine Aufgaben in der Agentur zu erledigen, etc. Nur, so ist es nicht! Aber da hilft das ganze Jammern nichts. Man schaut, gut durchzukommen, trotzdem ordentliche Qualität abzuliefern und dass sich alles irgendwie gut ausgeht. Und das tut es dann auch. Aber ein bisserl besser verteilt wäre schön. Vor allem auch meiner Frau gegenüber, deren Unterstützung man mit den Attributen flexibel, verständnisvoll und nachsichtig nur unzureichend beschreiben kann.

© Wolfgang Pfeiffer: Auf, vor und hinter der Bühne.
In: Oesterreichisches Kabarettarchiv online, 2021.

Foto: © KULTUR HOF

Wolfgang Pfeiffer (*1963 in Linz) ist Kulturmanager, Künstleragent für Kabarettist*innen und Musiker. Als Musiker ist Wolfgang Pfeiffer seit den 1980er Jahren aktiv, von 1996 bis 2020 leitete er das Anton Bruckner Centrum in Ansfelden, seit 2020 den KULTUR HOF in Linz. Seit 2017 betreibt er die Agentur „Vermutlich Elke“. Er war Mitglied der Jury des Österreichischen Kabarettpreises, des Grazer Kleinkunstvogels, der Kabarett-Talente-Show der Casinos Austria und ist zurzeit Vorstandsmitglied der IG Kabarett im Bereich Spielstätten/Veranstalter.

Veröffentlicht am: 2. April 2021