MARIA PIOK

 

Otto Grünmandl

oder

„Grünmandl beschließt, endlich etwas zu unternehmen“

 

Eigentlich hätte er Elektrotechniker werden sollen. Oder Buchhalter. Oder Bettfedernreiniger. Er aber wollte Poet sein: Und so wurde aus Otto Grünmandl ein halbstudierter Elektrotechniker (der, wie er selbst sagte, von Elektrotechnik keine Ahnung hatte: aber das fundiert!) –, und ein halbherziger Buchhalter, der in den Buchhaltungsbüchern neben den Rechnungen Gedichte und Hörspielentwürfe notierte. In den 1960er-Jahren konnte er endlich seine Arbeit im elterlichen Betrieb gegen eine Anstellung beim Österreichischen Rundfunk tauschen. 1972 übernahm er für 10 Jahre die Abteilung „Unterhaltung Wort“ des ORF-Landesstudios Tirol, bis er beschloss, nur mehr freier Künstler zu sein.

In der Nacht des Unsinnigen Donnerstags im Jahr 2000 starb Otto Grünmandl: Bis dahin war er so vieles gewesen, dass man eigentlich nicht mehr genau weiß, an wen man sich erinnern soll – an den Hörbuchautor oder den Alpenländischen Interviewpartner, den Schauspieler oder den Komiker, der dann aber doch lieber absurd-böse statt lustig war. So ganz Kabarettist war er damals nicht, weil er nicht mehr das bis dahin übliche Nummernkabarett bediente, und wäre es heute auch nicht, weil er tagespolitische Ereignisse allenfalls am Rande berührte. Und doch prägte er, obschon mehr Beckett wie Brettl, als erster Solokabarettist dieses Genre. Seine Bühnengestalten – Max Geselliger, der Komiker, der nicht Oblomow sein und etwas unternehmen will, der Erzähler und ein ominöser Otto Grünmandl – sind Kunst- und Reflektorfiguren, Individuen und Schablonen, Otto Grünmandl und doch wieder nicht. Und wer war nun noch einmal Otto Grünmandl?

Darüber, dass er sich Zeit seines Lebens auch als Literat versuchte und mehr oder weniger heimlich Gedichte und Romane schrieb, sprach er wenig; ebensowenig über seine Arbeit als Programmgestalter und Vermittler. Tatsächlich ist nicht viel darüber bekannt, in welchen Netzwerken er agierte, wie die Kontakte bis nach München und Wien zustande gekommen waren, wie Grünmandl zu seinen Rollen kam und Rollen verteilte, wen er schätze und förderte. Dabei finden sich in seinem Nachlass unzählige Briefe mit Künstlerkolleginnen und -kollegen, mit denen er immer wieder neue Pläne schmiedete – sei es für einmalige Programme oder große Projekte wie die Gründung der Tiroler Volksschauspiele. Außerdem gibt es ganze Stapel von Reden – zu Radioprogrammen und Ausstellungseröffnungen, Lesungen und Preisverleihungen. Sehr oft lässt sich nicht mehr herausfinden, für welchen Anlass Grünmandl die Texte geschrieben hat, ob auf Einladung oder aus eigenem Antrieb: Immer aber zeugen sie von einer großen Wertschätzung für Kolleginnen und Kollegen. „Einmal“, heißt es in einem Nachruf auf Philip Arp, „erzählte er mir, daß er sich eine Schallplatte gekauft habe, sagte es mir mit wenigen Worten, aber in seiner Stimme war dabei eine Lebendigkeit, als redete er von einem erotischen Erlebnis. Ach wäre er noch am Leben.“ Lebendigkeit und Begeisterung für die Sache mochte Grünmandl, und legte sie selbst zutage, wenn gelungene Hörspiele von jungen Autorinnen und Autoren einlangten: Vom Gestaltungswillen erfasst, bedankte er sich bei ihnen mit improvisierten Zusatztexten. Kollegen wie den jungen Andreas Vitásek motivierte er dazu, ihren eigenen Ton zu finden (Vitásek wiederum dankte es ihm Jahrzehnte später mit einem neuen Grünmandl, den er 2016 zurück auf die Bühne holte). Schale Belehrungen freilich waren seine Sache nicht – wenngleich er als Juror eines Literaturwettbewerbs des PEN-Club den Einsenderinnen und Einsendern doch „in wenigen Worten ein paar grundsätzliche Ausführungen zum Humor“ mitgeben wollte: „unter besonderer Berücksichtigung seiner historischen Erscheinungsformen, seines gesellschaftskritisch relevanten Stellenwertes und last not least seiner emanzipatorischen Bedeutung in Hinblick sowohl auf die Selbstverwirklichung sich vordrängender als auch auf die permanent notwendige Innovation zurückgedrängter menschlicher Strukturen. Schon Adam und Eva…… …… bleiben Adam und Eva.“

Grünmandl war im Übrigen nicht nur Juror beim PEN-Club, sondern auch dessen Präsident – allerdings nur „nominell, nicht faktisch“, wie er selbst bestimmte, weshalb sein Nachfolger im Büro die Schubladen vollgestopft mit ungeöffneten Briefen vorfand. Mit dieser Arbeitsweise mussten die Kolleginnen und Kollegen ebenso leben wie mit seiner spontanen Erfindungsgabe: Ernst Grissemann, von Grünmandl eingeladen, einen bunten Abend zu moderieren, bat ebenso höflich wie vergeblich um eine Liste der Teilnehmenden: In Innsbruck angekommen, musste er erfahren, dass Grünmandl eigentlich erst dabei war, irgendein Programm zusammenzustellen, das er schließlich, zu seiner eigenen Freude und zur Not des Moderators, zu einem guten Teil selbst improvisierte. So war schließlich auch das Erfolgsmodell der Alpenländischen Interviews entstanden, die Grünmandl noch am Krankenbett mit Theo Peer führte.

An Erfindungen, ob alpenländisch oder nicht, war Grünmandl tatsächlich viel gelegen. In seinem Nachlass gibt es eine Reihe von Gutachten, die er für den bayrischen Rundfunk erstellt hat (auch dies eine Unternehmung Grünmandls, über die man nichts Genaues weiß): Hier erweist er sich als scharfer Kritiker von allem Epigonalen. Für eine „pseudoländliche Kitschgeschichte in der Art eines Opernlibrettos“ fand er ebenso harte Worte wie für ein Stück über Schläfer (es wirke „ansteckend, man wird schläfrig dabei“) und über einen Doppelmord: „die Personen sind reines Klischee und das Ganze ist weiter nichts als Kitsch.“ Pathos und falsches Sentiment, von den Grünmandl’schen Bühnenfiguren immer wieder parodiert, wollte er also auf keinen Fall unterstützen – nicht nur, weil es schläfrig macht, sondern auch, weil es gefährlich ist: „Kitsch ist nicht harmlos“, heißt es in einem Text aus dem Nachlass. „Die ihm innewohnende Tendenz, Gefühle in jener unguten Weise anzusprechen, die das kritische Wahrnehmen ausschaltet, macht ihn für Seelenfänger aller Art zu einem wirkungsvollen Werkzeug ihres Machtstrebens. […] Zum Beispiel der Heimatkitsch; er füttert die Ohren mit dem süßen Gebimmel harmonisch gestimmter Kuhschellen.“

Die Harmonie, die in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Vergangenheit herrschte, behagte Grünmandl, wegen der jüdischen Abstammung seines Vaters selbst Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung geworden, wenig. Bereits in den 1950er-Jahren hatte er gemeinsam mit Gelichgesinnten eine Diskussionsgruppe „Plan“ gegründet, um Otto Basils antifaschistische Zeitschrift zu diskutieren, und Anschluss an progressive Kreise in Wien und Graz gesucht. Am Ende blieb Grünmandl doch in Tirol – und holte sich die Welt des Kabaretts her: In seiner Reihe „Kabarettisten aus dem süddeutschen Raum“ traten in Innsbruck Größen wie Dieter Hildebrandt oder Werner Schneyder auf.

Dem ,Netzwerker‘ Grünmandl verdankt das Publikum wohl noch viel mehr Begegnungen und Zusammenführungen, die in Gemeinschaftsproduktionen mündeten, als allgemein bekannt. Vielleicht regten auch diese Netzwerke Grünmandl wiederum zu seinem Metakabarett an, dass eine neue Kleinkunst-Generation nachhaltig beeinflusste. Es ist ein Kabarett, das den Komiker nur scheinbar verschwinden lässt; – in Wahrheit ruft der Grünmandl’sche Komiker seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern zu: „An die Arbeit, ans Werk!“

© Maria Piok, Otto Grünmandl oder
„Grünmandl beschließt, endlich etwas zu unternehmen“.

In: Oesterreichisches Kabarettarchiv online, 2021.

 


Foto: © Bernhard Bauer

Mag. Dr. Maria Piok (* 1983 in Brixen/Südtirol), Literaturwissenschaftlerin
Forschungsschwerpunkte: österreichisches Theater des 19. und 20. Jahrhunderts, intermedialer und transnationaler Transfer von Literatur, Komik und Kabarett.
Seit 2015 Mitarbeiterin am Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck, wo sie u.a. den Nachlassbestand Otto Grünmandl betreut (in dem auch alle hier verwendeten Zitate zu finden sind).

Für Insider-Informationen in diesem Beitrag sei Martin Sailer vom ORF Tirol ganz herzlich gedankt.

Veröffentlicht am: 5. Februar 2021