CHRISTINE TEICHMANN

 

KABARETT CUVÉE

oder „Na, gut, dann mach ich’s halt selbst“

 

Es gibt Dinge im Leben, von denen kann man im Nachhinein gar nicht so genau sagen, wie sie entstanden sind, aber von der Idee für Kabarett Cuvée kann ich sehr präzise den Zeitpunkt orten.
22. September 2017, die grandiose Jenny Simanowitz und ich haben einander gerade auf der Bühne von „Comedy im Pub“ (mittlerweile „Humorlabor“) in der „ARGEkultur Salzburg“ kennen gelernt; – also eigentlich hätten wir das auch schon in der Garderobe machen können, aber da war es wie überall, wo aufgetreten wird: zuerst schaut man mal, was die anderen so machen… und da kann man sich täuschen!
Aus der sehr zurückgezogenen älteren Dame, die beim Umziehen kein Wort mit den anderen Künstler*innen wechselte, wurde ein wahres Feuerwerk an Bühnenpräsenz mit humorvollen und klugen Texten (meine Lieblingskombination) und ich zu einem Instant-Fan. Die Sympathie war gegenseitig, nach dem Auftritt plauderten wir angeregt über die spezielle Herausforderung, sich auf den Kabarett-Bühnen nicht nur als Frau, sondern noch dazu als nicht mehr junge Frau durchzusetzen und welche Auftrittsmöglichkeiten es abseits von Wettbewerben und Kleinkunstbrettl’n in Bayern denn gäbe. Und wie gut diese Gelegenheit hier bei einem gemischten Abend wäre, um, auch ohne, dass man schon ein ganzes Abendprogramm zu bieten hat oder alleine einen Saal füllen kann, Erfahrung und mögliches künftiges Publikum zu sammeln. Und dann war da noch von mir ein: „Schade, dass es in Graz (und damals auch Wien) so etwas nicht gibt!“ und Jennys: „Wenn du etwas machst, dann komme ich!“ Damit war der Same für KABARETT CUVÉE gesät. 

Die Einsicht, dass Dinge nicht von selbst passieren und nur weil man sie sich wünscht, war schon länger in mir gereift, nicht zuletzt anhand von inspirierenden Beispielen wie dem Grazer Hörsaal-Poetry-Slam, dem Varieté „Hutzi“ und dem Künstler*innenkollektiv „Peace Babies“. – Alles Initiativen, die auf Visionen und Engagement einiger Einzelner gerade erst in Graz entstanden beziehungsweise groß geworden waren, wo zuvor nichts Vergleichbares in der ohnehin sehr lebendigen Grazer Kunst- und Kulturszene zu finden gewesen war.
Also gab es im Winter 2017 die ersten Gespräche mit dem soziokulturellen Veranstaltungszentrum „Die Brücke“ in Graz, das schon länger meine künstlerische Heimat war und bis heute ein fixer Standort für KABARETT CUVÉE ist. Als Poetry-Slammerin und langjähriges Mitglied der 1. Grazer Lesebühne war ich der Bühne der „Brücke“ schon länger verbunden, damals relativ neu durfte ich auch als Impro-Schauspielerin dort auftreten und außerdem mit den „Peace Babies“ monatliche Shows gestalten. Also war klarerweise Doris Schimpl, die langjährige Chefin der „Brücke“, meine erste Ansprechpartnerin, als es darum ging, eine Location für die erste Kabarett-Mixed-Show in Graz zu finden. Ich bin ihr und dem Team der „Brücke“ bis heute für die große Unterstützung dankbar, die dazu führte, dass es im April 2018 dann so weit war: Mit einer hochkarätigen Besetzung fand KABARETT CUVÉE das erste Mal statt, den passenden Namen hatte bei einem Brainstorming zu Hause mein kreativer Mann beigesteuert.
Der erste Cast bestand aus Jenny Simanowitz mit einem Ausschnitt aus ihrer One-Woman-Show „Who is Afraid of the Jewish Mother?“, den genialen Menopausen mit ihrem „Wechselkabarett“, Michael Brantner mit Bekenntnissen eines Nerds und den wunderbaren Kaktusblüten. Letztere hätte ich mich fast nicht zu fragen getraut, schließlich ist dieses Musik-Trio kein unbekanntes Ensemble und als Gage konnte ich lediglich einen Teil der Abendeinnahmen bieten. Aber deren Bereitschaft, mitzumachen, war symptomatisch für viele weitere Zusagen, die ich als Kuratorin über die Jahre und mittlerweile zehn Shows (ab 2019 Tourneen) erhalten sollte. Die erste Veranstaltung in der „Brücke“ war gut besucht, auch wenn wir uns damals mehr Publikum gewünscht hätten; das Einspielergebnis war sehr bescheiden. Inklusive Technik waren ja doch neun (!) Personen beteiligt, künstlerisch waren wir euphorisch, finanziell war es ein Desaster. Trotzdem begann ich sofort damit, weitere Veranstaltungen für den Herbst 2018 zu planen – es hatte einfach so viel Spaß gemacht!

Inzwischen habe ich doch viele Solo-Auftritte hinter mir, das ist künstlerisch natürlich die größere Herausforderung, aber nach der Show kann das recht einsam sein. Bis man aus der Garderobe kommt, ist das Publikum meist schon am Heimweg, der Veranstalter bespricht noch kurz Organisatorisches, man packt seine Sachen, bedankt sich bei Technik und Haus und steht alleine auf der Straße. Bei der Mixed-Show dagegen beginnt da erst der richtige Austausch mit den Kolleg*innen. Man gratuliert einander, beantwortet Feedback-Fragen, gibt sich gegenseitig Tipps zu anderen Veranstaltungen, erzählt von Erfolgen und Schiefgegangenem und wo man als nächstes spielt. In der „Brücke“ gibt es noch dazu ein engagiertes Team, das für ein frisch gekochtes Abendessen sorgt, während die Show über die Bühne geht. Die Nervosität vor dem Auftritt ist vorbei und macht dem gemütlichen Beieinanderhocken Platz. Das kann manchmal spät werden, aber eines ist es immer: befruchtend.

Dieser Austausch mit anderen Kleinkünstler*innen ist, abgesehen von der Gelegenheit, selbst im Rahmen der Moderation aufzutreten, der Hauptgrund, warum es KABARETT CUVÉE nun mittlerweile das dritte Jahr gibt. Und es hat sich viel getan. Ab 2019 wurde aus der einen Mixed-Show in der Grazer „Brücke“ eine kleine Tournee, die den Cast an mehrere Standorte führt. Die österreichischen Poetry-Slam-Meisterschaften 2018 in Klagenfurt hatten mir die Gelegenheit eröffnet, mit dem „VolXhaus“ dort Kontakt aufzunehmen, aus der dortigen Begeisterung fürs Projekt kam der Impuls, dann weitere Häuser anzufragen. Überall begegnete mir Interesse. Einige, wie das Klagenfurter „VolXhaus“ und der „Marenzikeller“ in Leibnitz wurden zu fixen Tourneestationen, andere blieben bislang einmalige Gastspiele. Weitere Kooperationen sind in Aussicht. Einiges, das schon vereinbart war, ist auf Grund der „Neuen Normalität“ der COVID-19-Krise wieder abgesagt worden, aber für die Zukunft sind wir guter Hoffnung, dass KABARETT CUVÉE weiter wächst.

Ja, auch das hat sich geändert. Aus dem „ich“ der ersten Jahre, als ich Kuratorin, Moderatorin und Organisatorin in einer Person war, ist mittlerweile, seit Jänner 2020, ein „wir“ geworden, als ich die Kabarettisten Simon Pichler und Seppi Neubauer mit ins Team holte und aus der One-Woman-Show ein Verein wurde, der den stolzen Namen „Verein zur Förderung der Literatur und performativen Gesellschaftskritik“ trägt – kurz VLG. Zu dritt lässt sich der Aufwand, bis zu zwölf Shows im Jahr zu organisieren, nicht nur die Künstler*innen anzufragen, sondern sie auch mit Quartieren und der benötigten Ausstattung auf der Bühne zu versorgen, das Finanzielle abzuwickeln, mit den Locations Termine und Konditionen auszumachen, Förderanträge zu schreiben und das Ganze zu bewerben, besser bewältigen. Simon Pichler, als langjähriger Moderator des „Grazer Kleinkunstvogels“ bestens bekannt und vernetzt, bringt immer wieder neue Talente auf die Bühne, Seppi Neubauer kümmert sich um den Internetauftritt und ich muss mich noch immer daran gewöhnen, nicht alles spontan und allein zu entscheiden. An den drei Standorten „Brücke“, „VolXhaus“ und „Marenzikeller“ darf ich nach wie vor durch die Abende führen und als Fixpunkt nach der Pause die aktuelle PolitSport Reportage abliefern, sowie immer wieder kleinere Nummern in die Moderation einstreuen. An anderen Locations werden da auch neue Traditionen kreiert. So ist in Murberg zum Beispiel die charmante Amöbia Nyx, alias Wolfgang Lanner, die Gastgeberin, 2021 wird Simon Pichler das Mariazeller Land mit KABARETT CUVÉE erobern und Seppi Neubauer die Region Hartberg.

Die schwierigen Zeiten rund um das COVID-19-Virus haben unerwartete Früchte getragen: Im August 2020 fand das erste KABARETT CUVÉE Sommer-Festival statt, das – von der Stadt Graz als Corona Hilfe für Künstler*innen gefördert – sechs Abende mit zwölf Acts sowohl live auf die Bühne als auch als Stream ins Internet brachte. 2021 wollen wir das in kleinerem Rahmen – dafür unbedingt Outdoor – wiederholen und von einer Workshopreihe für angehende und/oder weiterbildungshungrige Kabarettist*innen begleiten.

Es gibt viel zu tun, wir freuen uns auf die Kolleg*innenschaft, die uns auf der Bühne und das Publikum, das uns an den diversen Locations besucht. Alle Details und Informationen auf https://KabarettCuvee.com und https://www.facebook.com/KabarettCuvee.


Wer schon bei KABARETT CUVÉE zu Gast war (Stand Winter 2020/21):

Nadia Baha ~ Elli Bauer ~ Charly Blaha ~ Michael Brantner ~ Die Kaktusblüten ~ Die Menopausen ~ Christoph Fritz ~ GeBa & GeSch ~ Janea Hansen ~ Alexander Hechtl ~ Mike Hornyk ~ Fritz Jergitsch ~ Anja Kaller ~ Susanne Koller ~ Martin Kosch ~ Markus Koschuh ~ Magda Leeb ~ Alexander Lovrek ~ Micha Marx ~ Johanna Moll ~ Marecek Musner ~ Fabian Navarro ~ Seppi Neubauer ~ Markus Oswald ~ Simon Pichler ~ Sonja Pikart ~ Harald Pomper ~ David Scheid ~ Rudi Schöller ~ Sandra Schuller ~ Jenny Simanowitz ~ Franziska Singer ~ Stefan Sterzinger ~ Manuel Thalhammer ~ Tingel Tangel Boobs ~ Vaginas im Dirndl ~ Vitus Wieser


Beim KABARETT CUVÉE Sommer-Festival 2020 waren:

Elli Bauer Die Menopausen Michael Großschädl ☼ Ulrike Haidacher ☼ Martin Kosch ☼ Seppi Neubauer ☼ Markus Oswald ☼ Simon Pichler ☼ Clemens Maria Schreiner ☼ Science Busters ☼ Christof Spörk ☼ Christine Teichmann

© Christine Teichmann, KABARETT CUVÉE
oder „Na, gut, dann mach ich’s halt selbst“.

In: Oesterreichisches Kabarettarchiv online, 2021.


Foto: © Christine Teichmann

Christine Teichmann

Christine Teichmann (*1964 in Wien), ist Kabarettistin (aktuelles Programm: „links rechts Menschenrecht“), Slam-Poetin, Artistin und performende Schriftstellerin. Sie wurde mit mehreren Kabarettpreisen ausgezeichnet, darunter 2019 mit dem renommierten „Freistädter Frischling“.
Ausbildung in Pantomime und Körpertheater, Erzähl- und Clowntheater, Akrobatik, Jonglage und Improvisationstheater. Sie ist u. a. Gründungsmitglied der „Compagnie fantastique“, war jahrelang Obfrau der 1. Grazer Lesebühne „Gewalt ist keine Lesung“, ist Teil der Improtheatergruppe „The Original Bassena Rave“ und ist Ensemblemitglied des KünstlerInnenkollektivs „Peace Babies“, für das sie Bühnentexte wie ‑stücke schreibt und performt. Daneben verfasst sie auch Romane, wie „Raubtiere“, „Gaukler“ oder „Kinderbomber / Moorsoldat“.
Christine Teichmann lebt seit 1998 in Graz; kuratiert und moderiert seit 2018 die gemischten Abende „Kabarett Cuvée“.

Veröffentlicht am: 5. Februar 2021