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| RICHARD
HUTTER Das Kabarett in Graz* Cabaret in Graz Einmal war ich auch in Graz in einem Kabarett engagiert. Jawohl, Graz hat ein Kabarett. Es heißt natürlich "Casino de Paris". Das ist ein sehr feines Lokal; einmal war sogar ein Feldwebel in Uniform dort. Der wollte aber zuerst gar nicht hinein. Beim Eintritt hat er nämlich gefragt, was es kostet. Und als man ihm sagte: "Kosten? Programm 20 Heller", da ist er direkt erschrocken: "Was? Pro Gramm 20 Heller?! Ah, da geh i net eini; i hab ja fünfaneunzig Kilo!" Dort in Graz, da ist mir etwas sehr Unangenehmes passiert. Ich stelle mich nämlich immer dem Publikum vor, indem ich sage: "Ich bin der bekannte Schriftsteller Richard Hutter." Und wie ich dort gesagt habe, ich bin der bekannte Schriftsteller, hat mir ein Herr aus dem Publikum aufs Podium hinaufgerufen: "I kenn Ihnen aber net!" Anstatt nun höflich darauf zu antworten: "O ja, Sie k e n n e n mich!" oder sonst eine ähnliche verbindliche Antwort zu geben, glaubte ich mich als Konferenzier verpflichtet, schlagfertig zu sein und sagte: "Ja, ich bin eben nur der Intelligenz des Publikums bekannt." Das ist gar keine Kunst, diese Schlagfertigkeit. Die Antworten hat man schon immer vorrätig, z.B. wenn ein Gast im Kabarett dreinredet. Ich habe es ja im allgemeinen gerne, wenn außer mir noch ein geistreicher Mensch da ist. Wenn er aber zu viel spricht, fällt er dem übrigen Publikum lästig, und man muß etwas sagen, daß er aufhört. Da pflege ich ihn gewöhnlich zu fragen: "Wie alt sind Sie eigentlich?" Natürlich fragt er dann: "Warum?" Und da sagt man dann: "Ach, es hat mich bloß interessiert, wie lange ein Mensch ohne Gehirn leben kann!" Das ist gut, der sagt dann gewiß nichts mehr. Also wenn man diese zwei Sachen hat, das Gehirn und die Intelligenz, dann ist man schlagfertig. Damals habe ich nun die Intelligenz angewendet. Dies scheint aber nicht am Platze gewesen zu sein, denn der Gast, der zwar gar nicht dazu verpflichtet war, wollte sich nun auch schlagfertig zeigen - der Oberkellner warf sich aber dazwischen, und der Herr Direktor, der zufällig auch anwesend war, bekam 3 Ohrfeigen, von denen aber nur eine zählte, weil die anderen zwei dem Oberkellner bestimmt waren. Zufällig war aber die zweite Ohrfeige von denen, die gar nicht zählten, weil sie eigentlich dem Oberkellner bestimmt waren, so kräftig, daß der Direktor 4 Vorderzähne verlor. Die Frau Direktor, die das mit ansah, erschrak darüber so, daß sie auf der Stelle Zwillinge bekam, und das ist doch für eine Frau, die erst einige Wochen verheiratet ist, peinlich. Und das alles ist nur herausgekommen, weil ich gesagt hatte: "Ich bin der bekannte Schriftsteller." So bekannt bin ich gar nicht. Der Direktor war natürlich sehr böse, daß er durch mich 5 Vorderzähne - ja richtig! früher waren's nur 4 Vorderzähne ... Pardon! Haben Sie gar nichts gescheiteres zu tun, als die Vorderzähne meines Direktors nachzuzählen? Auf einen Vorderzahn eines Direktors kommt es mir eben nicht an -, daß er durch mich 5 Vorderzähne und einen Gast verloren hatte. An den Zähnen war ja nicht mehr viel dran, aber der Gast war ein guter Gast gewesen. Einmal hatte er sogar eine Flasche Wein getrunken. Später stellte sich heraus, daß der Gast gar nicht meinethalben ausgeblieben war. Ich traf ihn einmal auf der Straße und fragte ihn: "Warum kommen Sie denn gar nicht mehr ins Kabarett?" "Das Lokeul paßt ma net", sagte er, "dö Zahnstocher san mir zu spitzig." Ich sagte: "Aber das ist doch kein Fehler, es ist doch gut, wenn die Zahnstocher spitzig sind." "Was haßt guat? Ist es vielleicht guat, wann ma sich das Trommelfell zersticht?" Unser Programm im Kabarett war sehr gut. Zuerst trat eine weibliche Dame auf, Fräulein Mizzi Vaselini. Aus der Zusammensetzung des wienerischen Mizzi mit dem italienischen Vaselini können Sie leicht erraten, daß es sich um eine Triestinerin aus Simmering handelte. Sie sang das schöne Chanson: "Es wird ein Wein sein und wir werd'n nicht mehr sein." Sie suchte dann im Laufe der Vorstellung die betrübende Tatsache, daß der Wein ältere Jahrgänge erreichen kann als ein 17jähriges Mädchen von höchstens 28 Jahren, dadurch umzustoßen, daß sie möglichst viel Wein in der Blüte seiner Jugend vertilgte. Sie sang dann "Holloderodero!" und ging mit einem blonden jungen Mann nach Hause. Es war aber nicht immer derselbe. Nach dieser Kunstkraft trat auf John Nebbich, genannt der König der Ventriloquisten - Ventriloquist heißt auf Deutsch Bauchredner. Das kommt aus dem Lateinischen: Locus heißt Bauch, und Ventri heißt reden. Das war eine sehr gute Programmnummer, bloß der Bauch war ein bißchen nervös. Manchmal kam was ganz Verkehrtes heraus. Nur daß er sich K ö n i g der Bauchredner nannte, war ein Schwindel. Na ja, jeder König hat doch eine Krone, und er ist bei jeder Vorstellung zu mir gekommen, i c h soll ihm eine Krone leihen. Der Star unseres Programmes war die Tänzerin Amanda Sanscoulotti. Sie stammte aus uraltem französischem Geschlecht, sie war eine Enkelin der Jungfrau von Orleans und Louis Quators des XV. Mit der hatten wir einmal einen schönen Schreck. Wir fanden sie eines Abends im Garten an einem niederen Strauch mit einem männlichen Hosenträger erhängt auf. Oben war sie schon ganz tot, nur die Beine lebten noch. Der Oberkellner schlug vor, wir sollten sie abschneiden, sie hatte das Nachtmahl noch nicht bezahlt. Wieder ein anderer meinte: "Nicht abschneiden! Vielleicht hat sie recht!" Wir schnitten sie ab, obwohl der Hosenträger noch ganz neu war. Als wir sie abgeschnitten hatten, war sie beinahe ganz ohnmächtig und kam erst zum Bewußtsein, als ihr ein Freund von mir einen Hundertkronenschein zeigte. Da kam sie nicht nur zu sich, sondern ganz zu ihm. Über meine Erfolge in Graz will ich lieber nicht reden. Es würde doch unbescheiden sein, wenn ich selbst sagen würde, daß ich großartig gefallen habe. Das kann ich doch nicht tun! Natürlich habe ich großartig gefallen. Am zweiten Tag meines Auftretens in Graz hat mich ein Berliner Direktor, welcher auf der Durchreise war, ein großer Direktor - vielleicht zwei Meter! - gehört und hat mir bereits am vierten Tag von Berlin aus telegraphiert, ich soll in Graz bleiben. Das tat ich aber nicht, sondern ich bin nach Wien zurückgekehrt, denn es muß doch jemand meine Sachen hier vortragen, sonst kauft doch kein Mensch meine Bücher. * Anmerkung des Verfassers: Ich bemerke ausdrücklich: Nachstehende "wahre" Erlebnisse haben sich natürlich nicht in Graz abgespielt. Ich sage nur Graz, damit man nicht herauskriegt, wo es wirklich gewesen ist. Ich könnte ja auch Linz sagen, aber dann würde man erst recht glauben, es war in Graz. aus: Richard Hutter, Die Kabarettungsgesellschaft. Wien 1913. | ||
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Seit
dieser Zeit hat sich im Bereich Kabarett & Kleinkunst sehr viel getan - auch
in Graz, nachzulesen und -hören im Österreichischen Kabarettarchiv.
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