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"In der Kärntnerstraße herrscht wieder einmal großes Aufsehen.
Im Sommer ist dort ein neues Eckhaus gebaut worden, kein 'Wolkenkratzer' zwar,
denn bei uns kratzen die Häuser die Wolken noch immer nicht, aber, wie sich
jetzt herausstellt, ein Haus mit eigenen unterirdischen Reizen. Im Souterrain
ist nämlich ein Kabarett eingerichtet, und von wem? Von der 'Wiener Werkstätte'.
Von der leibhaftigen 'W.W', die heute ohne Widerrede das Beste des modernen Wiener
Kunstgewerbes bedeutet. Professor Josef Hoffmann hat ein 'Kabarett Fledermaus'
geschaffen, ein ganzes Theater mit allem Drum und Drauf, acht Meter unter dem
Pflaster der Kärntnerstraße. Er und sein W.W.-Genosse Herr Wärndorfer,
der seinen rastlosen Unternehmungsgeist so ganz in den Dienst der modernen Kunst
gestellt hat. Ein Kabarett der Kabarette natürlich, die große Ueberraschung
der angehenden Saison. ..." Fremden-Blatt, 18.10.1907
"... Wien hat Kabaretts in Hülle und Fülle. Es hat das internationale
Großstadt-Kabarett mit der kosmopolitischenVariétéfärbung.
Das Kabarett aber als künstlerischer Versuchsboden, das Kabarett als Sammelstelle
raffinierter und seltener Sinnesepisoden, das Kabarett als Heim der Künstler-Groteske,
der koloristischen Ekstase und der aphoristischen Lebensbeleuchtung ist erst jetzt
im Entstehen begriffen. ..." B.Z. [= Bertha Zuckerkandl] in Wiener
Allgemeine Zeitung, 19.10.1907 "Gestern wurde in der 'Fledermaus',
dieser neuen Stätte, an der Künstlerlaune und Künstlerwitz schafft,
zum erstenmal gespielt. Eine Generalprobe vor geladenen Gästen. Und es waren
viele gekommen, die sich für die 'Kultur der Unterhaltung' interessieren,
wie sie das neue Kabarett propagiert. ..." Fremden-Blatt, 20.10.1907
"Das Cabaret Fledermaus ist gestern Abends dreihundert Auserwählten
enthüllt worden. Was Herr Professor Hoffmann im Unterirdischen der Kärntnerstraße
geschaffen, gehört zu seinen architektonischen Meisterstücken. Kein
zweiter macht ihm diesen wirklich deliziösen Raum nach, der - in dunklem
Marmor und strahlendem Weiß gehalten - mit einem sanft hineingeschmiegten
runden Bühnchen aufs liebenswürdigste und dabei aufs praktischste eingerichtet
ist. Der Besucher, der die ruhige marmorne Stiegenhalle hinuntersteigt, dann in
jenen ausgelassenen, mit grellen Kachelkunstwerken ... fröhlich schreienden
Vorraum tritt, der ist unwillkürlich aufs höchste gespannt. Da drüben
wird sich der in sanftem Grau getönte Vorhang teilen und ... alles, was dieser
wunderschöne Raum verspricht, konnten die anderen Künstler, die Sängerinnen,
Dichter, Dilettanten auf den ersten Wurf noch nicht halten. ..." Arbeiterzeitung,
20.10.1907 "... Ein zart bewegter Hintergrund, den ein freifallender
Vorhang herstellt; ein hoher Lehnstuhl, auf einem Tischchen weiße Rosen,
und daneben sitzt eine zarte Mädchengestalt, von schwarzem Stoff umflossen,
mit großen sinnenden Augen in dem feinen Gesichtchen, Lina Vetter, die,
wie träumend, wie unter einer Suggestion, Worte von Peter Altenberg spricht,
die Sätze, die das Werk einleiten, sollen sagen, daß man kultivierten
Menschen eine Stätte der Unterhaltung bieten will. ..." Fremden-Blatt,
22.10.1907 "... Vor allem begrüße ich gleichsam mit
Fanfaren den edlen Komponisten Hannes Ruch, der heutzutage an Zartheit, Originalität
und dennoch fast volkstümlicher Schlichtheit von keinem erreicht wird. ...
Ihm zunächst gebührt die Begeisterung der Tänzerin Gertrude Barrison.
Niemals ist in Wien mit dieser äußersten Anmut getanzt worden, so tragisch,
ernst, vornehm, melancholisch und wieder freudig, kindlich, erstaunt und herzig.
... Die überaus beliebte entzückende Wiener Diseuse Mela Mars singt
drei von Hannes Ruch vertonte Lieder ... Sie ist die erste und einzige Wienerin,
die in französischem Geist vorträgt. ... Hollitzer gibt uns in wenigen
Strophen immer eine ganze vergangene Historie! ... Marya Delvard leiht einigen
Liedern die Note ihrer besonderen Persönlichkeit. ..." Peter
Altenberg in Wiener Allgemeine Zeitung, 22.10.1907 "... Die
Kultur teilt man bekanntlich in eine Alte und in eine neue Kultur ein. Die alte
Kultur war mit dem Begriff 'Brady' (Cabaret Nachtlicht, Anm. ÖKA) untrennbar
verbunden, die neue knüpft an den Namen "Wärndofer" an. Beiden
gemeinsam ist die Lebensanschauung, daß nur a Geld, nur a Geld das höchste
auf der Welt sei, beide ermöglichen dem Wiener, sich dereinst vor dem Richterstuhl
der Geschichte damit auszuweisen, daß er seine Erdentage gut angewendet
habe. Andere Nationen haben Siege erfochten, andere haben Maschinen erfunden,
die dritten haben Kunstwerke geschaffen. Aber mir ham an Schampus trunken, a Bier
dazu, an Wein. ...Nicht harmloser Dilettantismus verdient Tadel, sondern das hohe
Entrée, das er verlangt, und die Prätention, mit der er auftritt.
Wir haben nicht erwartet, daß der Geist der Pariser Bohème aus dem
Wiener Boden neue Kräfte ziehen werde. Aber so wahr der Salzgries kein Montmartre
ist, so heftig protestieren wir gegen die Behauptung, daß das Kabarett 'als
Heim der koloristischen Ekstase und der aphoristischen Lebensbeleuchtung erst
jetzt im Entstehen begriffen' sei, weil die Truppe ihr Lokal und ihren Geldgeber
gewechselt hat. ...Und weil nun Spießbürgerlichkeit und Langweile vor
farbigen Hintergründen agiert und bei unsichtbarem Orchester singt, weil
zu jedem Lied ein Sessel aufgestellt und jeder Aphorismus von Professor Hoffmann
kostümiert wird, stehen wir wieder einmal am Beginn einer Kulturentwicklung.
In Paris hat kein französischer Küchenchef mitgewirkt, als das Kabarett
ins Leben trat, und kein Kritiker verkündete, daß nunmehr die 'Kristallisation
der Kunstkultur' vorbereitet werde. ..." Karl Kraus in Die Fackel,
Nr. 236, 18.11.1907
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POTT, Gertrud, Die Spiegelung des Sezessionismus im österreichischen
Theater (= Wiener Forschungen zur Theater- und Medienwissenschaft, Bd. 3). Wien-Stuttgart
1975. SCHWEIGER, Werner J., Der junge Kokoschka. Leben und Werk 1904-1914
(= Schriftenreihe d. O. Kokoschka-Dokumentation Pöchlarn, Bd. 1). Edition
Chr. Brandstätter, Wien-München 1983. VEIGL, Hans, Lachen im Keller.
Von den Budapestern zum Wiener Werkel. Kabarett und Kleinkunst in Wien. Löcker,
Wien 1986.
(Hrsg.), Nachtlichter. Sezessionistisches Kabarett. Couplets, Grotesken,
Kritiken. Kremayr & Scheriau, Wien 1993. Kabarett Fledermaus 1907-1913.
Ein Gesamtkunstwerk der Wiener Werkstätte. Literatur. Musik. Tanz. Ausstellungskatalog.
Christian Brandstätter | Österreichisches Theatermuseum 2007.
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